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England
09.08.2011, 06:32 PM
Beitrag: #1
England
Die Kämpfe zwischen den vorwiegend Jugendlichen und der Polizei in England breiten sich aus. Nachdem die Auseinandersetzungen am Samstagabend in Tottenham begannen, weiten sie sich nun in andere Stadtviertel Londons aus (Clapham, Croydon, Peckham, Lewisham, Camden, Earling). Auch in Birmingham und Liverpool wir inzwischen gekämpft.



Unisono berichten die bürgerlichen Medien (Spiegel.de, Sueddeutsche) von einer überforderten Polizei. Dies soll sich nun ändern, 16.000 Polizist_innen sollen heute Nacht London befrieden. Indessen kam es nun zum zweiten Toten in London. Der erste Tote, Mark Duggan, der am Donnerstag von der Polizei erschossen wurde, hatte die Proteste ausgelöst, die am Samstagabend die Auseinandersetzungen auslöste. Der zweite Tote ist noch ohne Namen. Er wurde mit mehreren Schusswunden in ein Krankenhaus eingeliefert, und erlag dort seinen Verletzungen. Ob er von der Polizei erschossen wurde oder nicht ist zu dieser Stunde noch nicht geklärt.



Die radikale Linke ist wie gewohnt in der Sinnkrise. Die einen Rufen gleich zu mehr Ausschreitungen auf („Wann brennt Berlin?“ auf linksunten), die anderen sehen in jedem Verletzten des staatlichen Gewaltmonopols sofort eine Tendenz zur Barberei und sind mit ihrer Angst vor dem Pöpel nicht mehr von der bürgerlichen Presse zu unterscheiden. Versuchen wir uns einmal an einem sinnvollen Diskurs über Ereignisse in England. Das soll ein erster Versuch sein.





Es ist euer Staat – es ist eure Gewalt



Die bürgerliche Presse wird es nicht Müde von jugendlichen Kriminellen, Randalierern, Plünderern zu reden. Damit ist nichts erklärt, aber es wird klar wo die bürgerlichen die Verantwortung sehen für den Gewaltausbruch: Bei den Marginalisierten, die nun auf sich aufmerksam machen. Dieser Versuch gesellschaftliche Missstände auf diejenigen Abzuwälzen welche sie erleiden müssen ist einfach zu durchschauen.



Dabei sollte jedem klar sein wer die Feuer gelegt hat. Wenn 25 % der Jugendlichen in Vierteln wie Tottenham arbeitslos sind, ist die Gewalt nicht neu in den Vierteln. Wer Menschen ausschließt vom Reichtum, von Bildung und Beteiligung an der Gesellschaft kann nicht jetzt erst von Gewalt sprechen. Der Staat hat diese Menschen seid Jahren strukturell missbraucht. Jugendliche ohne Perspektive, Arbeit und Bildung sind kein Naturprodukt, sondern Ergebnis des Kapitalismus in seiner heutigen Form. Vollbeschäftigung kann und wird es nicht mehr geben: Jede_r der an dieser Art des Wirtschaftens festhält, muss damit rechnen das die Ausgeschlossenen sich auch ab und an wehren werden.



Was wir dieser Tage erleben ist die Sichtbarmachung einer ganzen Schicht von deklassierten die sich gegen die tägliche Gewalt wehrt die ihr seid Jahren angetan wird: Die rassistischen Kontrollen der Polizei, die wirtschaftliche Zerstörung ihrer Viertel, die Arbeitslosigkeit, die Drogen, etc. Aber die Ausschreitungen in London sind keine Revolution, keine Überwindung dieser Zustände. Es ist die Gewalt derjenigen, die nur Gewalt erfahren haben. Aber keine Zielgerichtete, keine Gewalt als Hebamme der Revolution. Es ist die Ziellose Gewalt einer klassenlosen Schicht, die zum großen Teil gegen sich selbst gerichtet ist. Gegen die letzte Infrastruktur im Viertel, gegen den eigenen Wohnraum.



Die Jugendlichen in den Armenvierteln sind keine Linken (zumindest nicht in ihrer Gesamtheit). Das sieht man an den Zielen der Attacken. Mag man auch geplünderte Juweliergeschäfte gutheißen – Reichtum für alle!; so sind viele der abgebrannten Häuser Wohnungen von eben jenen Maginalisierten gewesen. So ist der Aufruf im Artikel : London brennt! - Wann folgt endlich Berlin?!: „Jetzt ist kämpferische Solidarität mit den Londoner Genoss_innen gefragt!“ irreführend. Wir sind keine Zeug_innen einer sozialistischen Revolution. Was wir erleben sind die Aufstände der vergessenen Schichten im Kapitalismus. Das Lumpenproletariat der Postmoderne steht auf gegen die Strukturelle Gewalt die es zu dem Macht was es ist: Den Vergessenen.



Es geht also weder darum das ganze zu verurteilen, noch es hochzujubeln. Jeder Akt des Ungehorsams schafft eine Möglichkeit sich zu organisieren. Damit ist dieser Akt des Aufbegehrens eine Chance für die radikale Linke. Ob wir ihn nun gutheißen oder nicht ist völlig egal. Die deklassierten haben nicht darauf gewartet das der kommende Aufstand geschrieben wurde oder wir als radikale Linke diese Gewalt verurteilen oder gutheißen. Wir können diese Chance zu Agitation nur nutzten oder sie ungenutzt lassen. Wir können jetzt nach dem Staat schreien weil uns nicht geheuer ist was aus diesem Protest erwachsen könnte, oder wir können beginnen eigene Strukturen aufzubauen und das Maß der Empörung zu nutzten, das sich in Englands Straßen zeigt.



Die falschen Alternativen



Wird in den Straßen Englands also nun die ganze Gewalt sichtbar die der Kapitalismus immer in sich trägt ist das kein Grund zur Freude. Es ist aber auch kein Grund sich zu wünschen das die marginalisierten mit der Gegengewalt doch bitte warten sollen bis sie das Bewusstsein zur „sozialistischen Revolution“ haben (Kommentar zum Artikel „Wann brennt Berlin?“ auf linksunten: „Riot finde ich ja auch ganz belustigend, aber bevor jetzt eine Revolution gestartet wird lieber keine Revolution, dazu fehlt einfach das Bewusstsein der Leute.“



Es kommt als erstes darauf an in unserer Gegenöffentlichkeit – Unseren Nachrichten, unseren Diskursen die Gewalt in London als das Darzustellen was sie ist: Ein Produkt des Kapitalismus, und nichts anderes. Es ist die Sichtbarmachung der täglichen Gewalt gegen diejenigen, die nichts mehr zu verlieren haben.



Ist das erkannt, kommt es darauf an Menschen zu organisieren. Zu zeigen das die Gewalt die sie täglich erfahren kein Naturgesetz ist. Wir brauchen keine brennenden Barrikaden um Gewalt im Kapitalismus zu sehen; aber wenn sie brennen können wir sie nutzten um zu zeigen wieviele Menschen von ihr Betroffen sind und beginnen sich zu wehren. Brennen nun also Wohnungen in den Armenvierteln von London ist das keine Revolutionäre Gewalt: Es zeigt die unorganisiertheit derjenigen, welche vom System ausgeschlossen werden. Es zeigt eine gescheiterte radikale Linke, die selbst bei denjenigen, die längst die Schnauze voll haben vom bürgerlichen Staat, keine Nährboden für ihre (vermeintlichen) Alternativen findet.



Fragend voran gehen



Die Menschen die gerade in Londons Straßen kämpfen können auf unsere Solidarität verzichten. Mehr als ein paar Lippenbekenntnisse versteht die radikale Linke ohnehin nicht mehr unter diesem Wort. Wenn wir den Menschen wirklich helfen wollen, die gerade ihrer Wut gegen ihre Ausgrenzung Luft machen, dann können wir das vor allem wenn wir überlegen wie wir weiter vorangehen können. Wie lässt sich die Wut in Widerstand verwandeln, der länger Anhält als ein Wohnungsbrand? Wie schaffen wir eine Gegenöffentlichkeit, die wirksam der bürgerlichen Propaganda entgegenwirkt, dass das Problem die Randalierer wären und nicht ein System das die Menschen zum Randalieren bringt?



Es geht an der eigentlichen Frage vorbei ob wir die Gewalt gutheißen oder nicht. Die Gewalt gegen das System wird es sollange geben wie es das System gibt. Der Widerstand ist immanentes Produkt des Kapitalismus. Die Frage ist ob wir diesen Widerstand nutzten können um es zu überwinden – oder ob der bürgerliche Staat es nutzten kann um seine Überwachung weiter und totaler Auszubauen.

Lasst uns in unseren Stadtvierteln endlich wieder Versammlungen organsieren damit die Menschen sich kennen lernen. Damit klar ist was brennen muss: Nicht unsere Wohnungen, sondern unsere Herzen!

quelle: http://linksunten.indymedia.org/de/node/44907

In unseren Herzen tragen wir eine neue Welt.
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-Buenaventura Durruti
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09.08.2011, 09:29 PM (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 10.08.2011 12:45 AM von Schandmaul1987.)
Beitrag: #2
RE: England
Gut geschrieben, aber nicht sehr gut.

Ich finde man muss (im Kontext zum Kapitalismus; als Gewaltursache) mit erwähnen, dass man Gewalt, vor allem gegen Menschen, ABLEHNT. Es graut mich schon, wenn in Kreuzberg, Friedrichshain, Neukölln jeden Tag Autos brennen.... Die Luxusautos dürfen m.E. nach (vor allem auf Grund der Gentrifizierung; durchschnittliche Wohngegenden werden so nicht Opfer von Immobilienspekulanten, die mit "ruhigen" Wohngegenden punkten können bei potenziellen Käufern) ruhig abgefackelt werden. ALLEINSTEHEND. Aber OFT werden auch unbeteiligte Fiat Pandas/ VW Polos mit abgefackelt, weil die Flammen nunmal auf andere Autos übergreifen können, wenn zu dicht geprarkt ist. Und der VW Polo-Fahrer kann dann vllt seine Arbeitsbeschäftigung infolge der Demobilisierung aufgeben. So wird der Polo Fahrer nur wütend, und wird wenig/ kein Verständnis dieser Aktionen entgegenbringen. Im Gegenteil.

UND GENAUSO verhält es sich auch mit den Krawallen in England. Die Banden/ Kriminellen/ Gewalttätigen/ Sozial-vernachlässigten/ Vom-Kapitalismus-Gedemütigten zerstören Wohnhäuser/ kleine Geschäfte etc.
Zudem säen sie auch Gewalt unter unbeteiligten Zivilisten, sie prügeln unvermittelt auf sie ein.
Also bin ich bei der Aussagen "Es geht also weder darum das ganze zu verurteilen, noch es hochzujubeln." defintiv NICHT da core.
Ich verurteile Gewalt gegen Menschen aufs Schärfste und ich hoffe, dass der Durchschnittsrevolutionär das auch so sieht.

Wenn diese Banden z.B. in meine Wohngegend kommen würden, wäre ich DER ERSTE, der eine Bürgerwehr aufstellen und meine Gegend verteidigen würde, wenn die Wohnungen von UNBETEILIGTEN in meiner Umgebung angreifen würden; geschweige denn Leute.
Den Pfad der Gewalt gegen Menschen (auch indirekt, durch WOHNgebäude abfackeln) gehe ich nicht mit, nicht annähernd.
Mein Vorbild sind die DDR Demonstranten bzw die 15-M Bewegung.

Hier übrigens ein Video, das die Solidarität unter Mitmenschen zeigt (da würd ich auch antanzen):
http://www.youtube.com/watch?v=ugp7rXyG5VY

"Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt."
Immanuel Kant

"Was man mit Gewalt gewinnt, kann man nur mit Gewalt behalten."
Mahatma Gandhi

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10.08.2011, 01:35 AM (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 10.08.2011 11:54 AM von Anti.)
Beitrag: #3
RE: England
finde deine ansicht oke und deine zitate super... und ich wünschte es wäre eine revolution wie in indien möglich die eine grundsätzliche veränderung bringt ich bin allerdings nicht überzeugt davon das das geht solange es aber geht werde ich alles dafür geben....aber wenn es nur anders geht dann geht es nur anders... kein preis ist zu hoch für die universelle freiheit aller menschen....

wenn ich mich in die lager der menschen versetze kann ich diese sehr gut nachvollziehen das heißt aber nicht das ich es billige das wohnhäuser abgebrannt werden.

ps: Gandhi bezeichnete sich selbst als Anarchist Wink

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10.08.2011, 12:13 PM
Beitrag: #4
RE: England
http://www.youtube.com/watch?v=QgXpNqT2k...ture=feedf

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10.08.2011, 12:54 PM
Beitrag: #5
RE: England
http://www.youtube.com/watch?v=QP-CC0gsS...re=related

Alles erschreckende Indizien für ein, milde ausgderückt, kaputtes System.

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10.08.2011, 01:33 PM
Beitrag: #6
RE: England
jo echt krass

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10.08.2011, 02:24 PM
Beitrag: #7
RE: England
3 Tote in Birmingham

In Birmingham hat die Polizei Mordermittlungen eingeleitet, nachdem drei muslimische Männer von einem Auto überfahren worden waren. Ein Freund der Getöteten sagte der BBC, sie hätten zu einer Gruppe gehört, die ihr Wohngebiet vor den Randalierern habe schützen wollen. “Das Auto hat einen Schlenker direkt auf sie zu gemacht. Es war eiskalter Mord“, sagte der Augenzeuge.

Quelle: http://www.tagesspiegel.de/politik/drei-...82904.html
zudem: Focus, FAZ etc

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11.08.2011, 12:04 AM (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 11.08.2011 12:24 AM von Schandmaul1987.)
Beitrag: #8
RE: England
"Deaths in police custody since 1998: 333; officers convicted: none"
(frei übersetzt: ) Todesfälle in Polizeigewahrsam seit 1998: 333; Polizisten verurteilt: NULL

Quelle: http://www.guardian.co.uk/uk/2010/dec/03...-convicted

AAAAAAAAAAAAAHRGH...

Ich glaube, keiner von uns (vor allem ich) kann sich in die Lage der Unterschichten dort hineinversetzen.
Das ist nur ein weiterer Indiz, wie der Staat sein Gewaltmonopol gegenüber den Bürgern ausnutzt.
Ich möchte mich nochmals von Gewalttaten distanzieren, kann mich aber immer mehr in die "Kriminellen" dort hineinversetzen.

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11.08.2011, 12:10 AM
Beitrag: #9
RE: England
finde gut das du das kannst.... nur in deutschland sieht diese statistik und wohl auch überall auf der welt nicht anders aus...

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11.08.2011, 08:21 PM
Beitrag: #10
RE: England
In die Lage der Jugendlichen hineinversetzen kann ich mich auch, allerdings fehlt mir doch das Verständnis dafür, dass dann ausgerechnet (zum Teil jedenfalls) Leute angegriffen werden, die ebenso zu den Marginalisierten gehören. Das Ganze erinnert mich stark an die Unruhen in den französischen Banlieus, wo leider auch "nur" die lokale Bevölkerung terrorisiert und neben Wohnungen ausgerechnet Schulen und Kindergärten abgefackelt worden sind. Ich nehme mal an, die Ergebnisse davon werden darin bestehen, dass die Kürzungen im Polizeiapparat zurückgenommen werden und die Hemmschwelle für den Einsatz staatlicher Gewalt ebenso sinkt wie die Akzeptanz dafür in der Bevölkerung steigt. Die Rechten versuchen bereits, ihr Süppchen darauf zu kochen und sich als Bewahrer von "Recht und Ordnung" in Szene zu setzen.
Ich sehe in den Unruhen in England zwar ein Symptom der sich zuspitzenden Klassengegensätze, aber leider keinen Ansatz für eine Lösung. Jedenfalls solange, wie keine Politisierung auf breiter Front erfolgt...
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