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Anonymitätsprinzip
15.01.2012, 06:08 PM (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 02.10.2012 11:41 PM von poly.)
Beitrag: #1
Anonymitätsprinzip
Dieses Dokument dient dazu, eine Methode aufzuzeigen, welche Gruppen bei Entscheidungsverfahren anwenden können, um die benötigte Transparenz vollständig bewahren zu können und gleichzeitig ein ausreichendes Maß an Anonymität aufzuweisen.
Dies wird hier speziell mit der Entscheidungsmethode Systemisches Konsensieren beschrieben, kann aber theoretisch mit allen Entscheidungsverfahren nach dem selben Prinzip durchgeführt werden, bei denen quantifizierbare Stimmen/Punkte von den Teilnehmern vergeben werden.

Dieses Dokument wird nicht länger aktualisiert. Die aktuellste Version befindet sich hier.
SK-Prinzip zum Nachlesen auf http://www.tiny.cc/skeinf - es werden die ersten beiden Lektionen vorausgesetzt.



Transparenz ist im vorliegenden Dokument als die Offenheit und Nachvollziehbarkeit der Schritte des Entscheidungsverfahrens definiert. Im Gegensatz dazu wird unter Anonymität die Unmöglichkeit bezeichnet, Entscheidungen einzelner Wahlteilnehmer nachvollziehen zu können.

Problemfeststellung: Antagonität
Warum ist es ein Problem, eine Wahl sowohl transparent, als auch mit ausreichendem Raum für Anonymität zu veranstalten? In Anbetracht der obigen Erklärungen dieser beiden Kriterien kann man sich leicht vorstellen, dass eine zu 100% transparente Wahl 0% Anonymität ermöglicht. Denn wenn alles vollkommen und bedingungslos nachvollziehbar ist, können alle Entscheidungen aller Wahlteilnehmer zugeordnet und rekonstruiert werden. Umgekehrt bedeuten 100% Anonymität bei der Wahl eine Transparenz von so ziemlich 0. Denn wenn alles geheim und verborgen stattfindet, kann man bloß auf den guten Willen der Auswertenden hoffen.

Analyse
Im folgenden ein kurzes Eingehen auf die Vor- und Nachteile unserer beiden zu untersuchenden Kriterien.
Vorteile von Transparenz (und somit Nachteile von Anonymität):
- Offene Wahlen kann man nachvollziehen und Manipulationen von außen sofort Feststellen.
- Dadurch können diese beseitigt werden.
- Dadurch wiederum steigt das Vertrauen in die Wahlauswertung.
- Dadurch wiederum steigt das Interesse an der Wahlteilnahme.
Vorteile von Anonymität (und somit Nachteile von Transparenz):
- Geheime Wahlen lassen den Teilnehmer nicht fürchten, seine Interessen offenzulegen.
- Dadurch werden Wahlteilnehmer potentiell ehrlicher abstimmen.
- Dadurch wiederum wird das Wahlergebnis repräsentativer.
- Auch dadurch kann wiederum das Interesse an der Wahlteilnahme steigen.

Im Folgenden wird eine Methode zur Lösung des Dilemmas beschrieben. Zuerst in Anwendung auf Online-Abstimmungen, danach in Treffen im richtigen Leben (Asamblea).
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Online-Konsensierungsplattform
Zuerst einmal darf jeder Teilnehmer, der keinen Wert auf Anonymität legt, offen entscheiden dürfen, so, dass jeder dessen Interessen jederzeit online nachvollziehen kann. Dadurch wird ein bestimmter Teil der Wahl schon mal zu 100% transparent, ohne auf gewünschte Anonymität zu verzichten.
Dieses transparente Abstimmen wird folgendermaßen auf der Konsensierungsplattform protokolliert. Es wird auf der Seite ein Bereich zu jeder Wahl errichtet, in dem man die Stimmen- bzw. Punktelisten ansehen kann. Dort sieht man in den Spalten Name des Teilnehmers, Stimmen/Punkte für Vorschlag #1, Stimmen/Punkte für Vorschlag #2, usw. Jeder Wahlteilnehmer und Nichtteilnehmer kann die fertige Tabelle am Ende der Wahl jederzeit im Excel-Format runterladen und alles selbstständig nachzählen und überprüfen.
Nun kommen jene Wahlteilnehmer, welche anonym entscheiden wollen. Diese werden auf der Plattform erst gefragt, mit mindestens wie vielen anderen Teilnehmern sie dies in einem anonymen Entscheidungsraum (Erklärung folgt) tun möchten. Wir nehmen als Beispiel an, dass die Person Markus Hilgenburg sich damit zufriedengibt, dass ihr eine Anonymität mit 4 anderen Teilnehmern im anonymen Entscheidungsraum ausreicht.

[Bild: 57100593.png]

In der Abbildung sehen wir Markus Hilgenburg mit 4 anderen Teilnehmern, die bei der Wahl auf Anonymität Wert legten, wobei sie sich in dem anonymen Entscheidungsraum jeweils mit mindestens 4 weiteren Personen zufriedengaben.
Wir sehen alle 5 Personen auf Fotos mit Namen. Dies scheint dem Begriff „Anonymität“ zu widersprechen. Tatsächlich geht es hier jedoch darum, die Entscheidung eines Teilnehmers so zu verschlüsseln, dass man sie nicht nachvollziehen kann (wie eingangs bereits definiert) und dass gleichzeitig die Transparenz sichergestellt werden kann. Dies ist bei einer Erklärung der Abbildung durchaus gegeben:

Der Teilnehmer Markus Hilgenburg bekommt vom System den Bescheid, dass seine Entscheidung als Balkendiagramm die Nummer 1 bekommt („Entscheidung1“, grüne Balken). Die anderen Teilnehmer selbst kann er zwar in der Abb. sehen, weiß aber nicht, welches Entscheidungs-Balkendiagramm welchem von ihnen zuzuordnen ist. Das ist der Trick. Jeder Teilnehmer sieht seine eigene Bewertung, ohne zu wissen, welche der anderen Bewertungen welchem der anderen Teilnehmer zuzuordnen ist. Dabei sind die äußeren Balkendiagramme die W-Stimmen zu den jeweiligen Vorschlägen.
Auf der anderen Seite sieht aber jeder Teilnehmer ganz klar, dass seine eigenen Bewertungen tatsächlich registriert wurden. In der Tabelle unten in der Abbildung kann jeder die vergebenen W-Stimmen in Zahlen wiederfinden und die Gesamtwiderstände (und somit normierte Widerstände und die Akzeptanz) nachvollziehen. In dem größeren Balkendiagramm, in der Mitte der Abb., sieht man die Gesamtakzeptanzen, also die durchschnittlichen Akzeptanzen zu jedem der 10 Vorschläge, in %. Dort kann auch jeder Teilnehmer seine Teilakzeptanzen erkennen (grün), aber immer jeweils nur seine.
Zwar weiß in diesem System niemand, wie wem was zuzuordnen ist, er weiß jedoch, dass jeder Teilnehmer seine persönlichen Widerstände selbst überprüft und daher alle Entscheidungs-Balkendiagramme richtig sind. Außerdem kann jeder die Gesamtpunkte nachrechnen und Vertrauen gewinnen.

Wir gehen hierbei davon aus, dass diese Konsensierung über einen gewissen Zeitraum andauert. Die Vorschläge wurden vorher eingebracht (im obigen Fall 10 in der Anzahl) und jeder konnte sich ab da innerhalb eines Zeitintervalls (z. B. einer Woche) eintragen, entweder ohne Anonymität, oder - wie soeben beschrieben - über einen anonymen Entscheidungsraum. Auch die anonymen Entscheidungsräume werden in das genannte Online-Protokoll eingetragen, wo die offenen Bewertungen der Teilnehmer, die keinen Wert auf Anonymität legten, wie beschrieben dokumentiert wurden. Dies geschieht, indem das Protokoll mit der Gesamtwertungstabelle des anonymen Entscheidungsraums und der Liste der Teinehmer verknüpft wird und mit der Liste dessen Teilnehmer, und die anonymen Teilnehmer im Protokoll die entsprechenden normierten Widerstandswerte (durchschnittlichen W-Stimmen) zu den Vorschlägen zugeordnet bekommen (aber als anonym erkennbar gekennzeichnet). Dies führt zu maximaler Transparenz.
Die Zuordnung der Balkendiagramme zu den Teilnehmern gehen dabei jedoch verloren, sodass sie niemand mehr zurückverfolgen kann. Jedem anonymen Entscheidungsraum wird eine chronologische Zahl zugeteilt, wodurch man diese im Entscheidungsprotokoll leichter sortieren und wiederfinden kann.

Durch dieses Vorgehen wird eine relative Anonymität sichergestellt. Jeder Teilnehmer kann sich vorher überlegen, mit wie vielen anderen Teilnehmern er bereit ist, zu konsensieren. Ein anonymer Entscheidungsraum darf von mindestens 2 Personen geöffnet werden. Bei 2 Personen weiß die eine Person immer, wie die jeweils andere abstimmt. Je mehr Teilnehmer es hingegen sind, umso höher die Anonymität, weil mehr Balkendiagramme zuordnungsbar sind. Je unterschiedlicher die Interessenbilder einzelner Teilnehmer, desto schwieriger wird es auch dann, etwas zu erraten.
Wir sollten im obigen Beispiel außerdem von folgenden Dingen ausgehen. Die Teilnehmer haben zuvor ausreichend viel Zeit gehabt, sich mit den Inhalten der 10 Vorschläge, deren Umsetzung und deren möglichen Konsequenzen zu befassen. Desweiteren haben sie sich ihre Widerstände bereits klargemacht (evt. notiert), um im anonymen Entscheidungsraum gleich loszulegen. Dort haben sie nach der Eröffnung die W-Stimmen dem Vorschlag entsprechend eingetragen. Erst wenn alle Teilnehmer im anonymen Entscheidungsraum ihre Widerstände eingegeben haben, werden alle Entscheidungen für alle im Raum sichtbar. Die Gesamtwertungstabelle wird ebenfalls angezeigt. Nun müssen nur noch alle Teilnehmer bestätigen und alle Entscheidungen bekommen ihre Gültigkeit (dieser Ablauf muss nicht zwangsläufig so eingerichtet werden, dass die Teilnehmer alle gleichzeitig und in einer kurzen Zeit agieren müssen; es lässt sich zur praktischeren Handhabung auch zeitlich in die Länge ziehen). Wie oben bereits beschrieben, werden die Teilnehmer und die normierten Widerstände ins Protokoll integriert, wobei die Zuordnungen von Entscheidung zu Teilnehmer verlorengehen.

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Asamblea
Eine Asamblea ist eine offene Bürgerversammlung. Im Folgenden wird beschrieben, wie man (nach dem selben Prinzip wie oben) bei einem solchen Bürgertreffen transparent und gleichzeitig anonym konsensieren kann.
Zuerst müssen fertige Vorschläge zur Lösung des jeweiligen Problems zur Wahl bereitstehen, so, dass sie für jeden sichtbar, verständlich sind usw. Nun muss man die Anzahl der Wahlteilnehmer ermitteln. Wir gehen davon aus, dass von Anfang an ein Moderator eingesetzt wird, der diesen und alle folgenden Schritte koordiniert. Nachdem die Anzahl der Teilnehmer erfasst wurde, werden Konsensierungskarten ausgedruckt. Diese sind alle gleich, außer dass auf jeder Karte in dem Feld für „Teilnehmer“ eine Zahl gedruckt wird, die von eins bis zu der Anzahl der Teilnehmer reicht. Mit jeder Zahl auf dieser Skala wird nur eine Konsensierungskarte bedruckt. Anschließend wird jedem Teilnehmer eine zufällige davon überreicht.

[Bild: xkv2i164rha4.png]

Nachdem jeder Teilnehmer seine W-Stimmen zu den jeweiligen Vorschlägen auf seiner Karte eingetragen hat, werden sie alle wieder eingesammelt und numerisch sortiert ausgelegt. Wenn es nicht viele sind (wie z. B. oben 28 Stück) kann dies ausreichen, bei vielen Teilnehmer wäre es wünschenswerter, z. B. ein hochauflösendes Foto aller sortierten Karten sichtbar zu projizieren.
Es geht darum, alle Karten im Überblick zu haben, sodass jeder seine eigene Nummer wiederfinden und sich von ihrem Einbezug überzeugen kann. Da die Anzahl der Teilnehmer bekannt ist, und die Anzahl der Karten entsprechend ist, besteht kein Verdacht darauf, dass eine Stimme gefälscht wurde.
Auch hier wird eine tabellarische Gesamtwertung erstellt. Diese wird für die Auswertung und sonstige Zwecke weiterverwendet. Das Abbild der Karten ist dann ohne weitere Bedeutung, könnte jedoch später als Beweisstück hilfreich sein und sollte evt. archiviert werden.

Auch in diesem Fall ist dafür gesorgt, dass eine Teilnehmerbewertung nicht zugeordnet werden kann. Es ist jedoch jedem ersichtlich, dass seine Stimme einbezogen wurde und die der anderen auch, ohne dass etwas manipuliert werden könnte.

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Beurteilung
Vorteile:
- Es besteht kein Verdacht auf Manipulationen von außen, da in diesen anonymen Entscheidungsräumen sichtbar nur die wirklichen Teilnehmer mitbestimmen.
- Es besteht Vertrauen in das Verfahren.
- Niemand muss fürchten, sein Interesse auszudrücken. Bei dem Asamblea-Beispiel ist im Idealfall eine große Teilnehmerzahl, bei dem Online-Beispiel kann man sich die Teilnehmerzahl des Entscheidungsraums aussuchen. Daher hat jeder ausreichende Anonymität.
- Jeder Teilnehmer kann somit ehrlich abstimmen, wodurch die Repräsentanz des Ergebnisses steigt.
- Durch die genannten Vorteile könnte das Interesse an der Wahlteilnahme steigen, was durch höhere Wahlbeteiligung ebenfalls höhere Repräsentanz der Ergebnisse bedeuten würde.

Mögliche Nachteile:
- Das Verfahren wäre neu und es bedürfte eines gewissen Aufwandes, Menschen zu dessen Anwendung zu überreden und von der Effizienz der Methode zu überzeugen.
- Bei der Online-Anwendung könnte der Server mehreren Teilnehmer die selbe Nummer zuordnen, wenn diese exakt gleiche Widerstände hätten, und heimlich eine eigene Bewertung mitabgeben. Möglich wäre dies jedoch nur bei falscher Anwendung der hier beschriebenen Methode (z.B. indem der Server erst bewerten ließe und erst dann bei gleich vorkommenden Stimmungsbildern gleiche Nummern zuordnen würde, anstatt diese von vornherein zuzuweisen). Eine erfolgreiche Manipulation des Wahlergebnisses wäre aber auch dann praktisch ausgeschlossen, da die Wahrscheinlichkeit, dass mehrere Teilnehmer exakt identische Widerstände vergäben, nur bei Entscheiden mit sehr wenigen Vorschlägen und sehr vielen Teilnehmern im anonymen Entscheidungsraum bestünde.
Dieses Argument sei hier der Vollständigkeit halber angemerkt und als Nachteil kategorisiert.
- Die Anonymität ist nicht absolut, sondern relativ. Absolute Anonymität wäre: wenn z. B. eine Million Menschen an politischen Wahlen teilnähmen, wobei 40% Kandidat A und 60% Kandidat B wählten, und mehr Information nicht gegeben wäre. So könnte man darüber spekulieren, dass die Wahrscheinlichkeit 60% sei, dass ein bestimmter Teilnehmer Kandidat B wählte. Bei einer Masse von einer Million Teilnehmern wäre dies jedoch wage. Demgegenüber steht die in der oben beschriebenen Methode relative Anonymität, in welcher die Masse der Teilnehmer durch Spaltung in Räume kleiner ist. Es ist einfacher, die Entscheidung der Teilnehmer nachzuvollziehen (zu erraten), schwer ist es jedoch trotzdem. Praktisch ist es immer noch zu spekulativ, jemanden etwas zuzuordnen, seien es sogar nur 5 Personen im anonymen Online-Entscheidungsraum.

CcBySa

Eine Idee kann man nicht töten. Sie ist kugelsicher.
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