Israel und die Macht der Plätze

Wieder einmal hat niemand damit gerechnet, dass sich so viele Menschen versammeln und dann im ganzen Land auf die Straße gehen. Jetzt Israel. Dort haben die größten Demonstrationen seit 1995 begonnen, und es wird bereits nach etwas mehr als vier Wochen von der größten sozialen Bewegung seit der Entstehung Israels vor 63 Jahren geredet. Parlament und Regierung sind unter Druck und beschäftigen sich schon mit den Anliegen der Protestierenden, die erst wieder gehen wollen, wenn auf Ihre Forderung nach sozialer Gerechtigkeit durch andere Prioritäten in der Politik eingegangen wird.

Es wurde also ein weiteres demokratisches Land ergriffen von dem Funken, der vom Tahrir-Platz in Kairo zur Puerta del Sol in Madrid und zum Syntagma-Platz in Athen gesprungen war – und vermutlich noch weiter springen wird. Es ist der Funke der Empörung, der bisher immer einen ersten konkreten Anlass fand, per Vernetzung und Ankündigung auf Facebook startete – und die versammelten Menschen erfahren lässt, wieviel Macht sie gemeinsam auf den Plätzen wirklich haben.
Wie begann es nun in Israel? Hier empörte sich eine junge Filmstudentin, der gerade die Wohnung gekündigt wurde, so dass sie – auf Facebook angekündigt – am 14. Juli das erste Zelt am Rothschild-Boulevard von Tel Aviv aufbaute. Sie blieb nicht lang allein, und bald wurde nicht mehr nur gegen die hohen Mietpreise sondern auch gegen die große Kluft zwischen Arm und Reich demonstriert – aber vor allem für soziale Gerechtigkeit. Inzwischen ist die Bewegung, die also in diesem Fall als Protest gegen die Wohnungsnot begann, zu einem vielschichtigen, kreativ ausgedrückten Protest gegen alle sozialen Missstände in Israel angewachsen: Kritik wird geäußert am Erziehungs- und Bildungssystem, den hohen Lebensmittelkosten und Steuern, den zu niedrigen Löhnen, der ungerechten Verteilung des Wohlstands und natürlich auch weiterhin an den hohen Mietpreisen: „The rent is too damn high“ – „Die Mietpreise schreien zum Himmel“ lautet einer der vielen Slogans der Bewegung.

Auf dem Rothschild-Boulevard kam übrigens auch nach einem Tag sogleich eine Mitzelterin hinzu, die ihre Erfahrungen und die Kurzanweisung für Versammlungen aus Spanien mitbrachte. Die Bewegungen befruchten sich also auch direkt gegenseitig, so dass auch in Israel das Wissen und die Kompetenz da war, um in den immer größer werdenden Versammlungen unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen zu lassen, konstruktiv miteinander ins Gespräch zu kommen und einen Konsens zu finden.

Der Bewegung war es auch von Beginn an bewusst, wie zentral es sein wird, gewaltfrei sein. Zudem wollte sie auch möglichst keine Feindbilder aufbauen, sondern – durch den ausdrücklichen Verzicht auf polarisierende politische Themen – eine umfassende Bewegung werden, die nicht vor allem gegen etwas oder für andere (etwa die Palästinenser) ist, sondern wie es jemand der Beteiligten nannte: „Wir kämpfen für uns selbst.“

Nach den größten Demonstrationen Israels in Tel Aviv am 6. August mit 250.000-400.000 Menschen, kam es am darauffolgenden Wochenende zu Demonstrationen an verschiedenen Orten des ganzen Land mit 70-100.000 Demonstranten.

Einen besonders tiefen Einblick in die Ereignisse in Israel bieten zwei Berichte der ARD: Die neue Protestbewegung in Israel (MorgenMagazin 17.08.2011; 5:49 min.) und Leben – oder untergehen (Tagesschau vom 7. August 2011; 8:48 min).
Um einen Eindruck der Atmosphäre vom größten Demonstrationstag in Tel Aviv zu bekommen hier ein paar Video-Links:
Points of view – The largest protest in Israel’s history (6th August 2011) (4:26 min)
Amazing Tel Aviv Protests 6 Aug 2011 (3 min)
Klezmer Music in Rothschild Blvd Protest (2:07 min)
Amazing Protests with Drums in Tel Aviv J14 (1:02 min)

Und hier noch einige ausgewählte Presseberichte der letzten Wochen:
17.08.2011 | Millionenmarsch Israel /Die neue soziale Revolution
15.08.2011 | Zehntausende in Israel prangerten soziale Ungerechtigkeit an
14.08.2011 | Israel ist ein Vorbild auch im sozialen Protest | „Weder faul noch verwöhnt”
13.08.2011 | Eine junge Frau gegen das System
12.08.2011 | Das Adrenalin der Bewegung
11.08.2011 | Dies ist die Zeit der Zelte
08.08.2011 | Die Nabelschau wagen | „Unser Kampf ist ein Puzzlestück einer weltweiten Auseinandersetzung“

Weitere aktuelle Infos unter Aktuelles

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3 Antworten auf Israel und die Macht der Plätze

  1. Ilmar sagt:

    Super Artikel.Habe einige schöne Denkanstoesse gekriegt. Freue mich schon auf neue Posts.

  2. Pingback: Das weibliche Gesicht des israelischen Protests: Daphne Leef | Echte Demokratie Jetzt!

  3. Pingback: Occupy weltweit 2011 | Echte Demokratie Jetzt!

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