Der spanische Journalist Amador Fernández-Savater, selbst Beteiligter des Protestcamps in Madrid und der 15M-Bewegung, hat in einem Ende August erschienenen Interview mit einer argentinischen Zeitung über das neuartige der Bewegung in Spanien gesprochen. Hier einige Auszüge:
„15-M ist eine politische Kraft – aber antipolitisch. Die Bewegung stellt radikale Fragen zu den Organisationsformen des Gemeinwesens, Fragen, die auf dem politischen Schachbrett keinen Platz haben und es durcheinanderbringen. Diese Kraft des Fragens kann nur neutralisiert werden, indem man ihr eine Identität zuweist: «Es sind die.» «Sie wollen das.» Die Politiker und die Medien drängen darauf, dass die Bewegung 15-M ein «vollwertiger Gesprächspartner» wird – mit entsprechenden Vorschlägen, Programmen und Alternativen. Sie wissen, dass eine Identität keine Fragen mehr stellt, sondern ein Feld auf dem Schachbrett besetzt – oder zumindest danach strebt. Sie verwandelt sich so in einen voraussehbaren Faktor im politischen Spiel und in den Kräfteverhältnissen. Sie wird regierbar.”
„Die Art und Weise der Politisierung, die diese Bewegungen hervorrufen, entspricht nicht mehr derjenigen der herkömmlichen sozialen Bewegungen – weder der alten noch der neuen Bewegungen. (..) Militante oder Aktivisten spielen hier keine Hauptrolle mehr. Die Bewegung 15-M wurde weder von ihnen einberufen, noch wird sie von ihnen angeführt, so wie das etwa bei Häuserbesetzungen, Militärdienstverweigerung und bei der Antiglobalisierungsbewegung der Fall ist. Vielmehr spielen Leute ohne vorgängige politische Erfahrung eine Hauptrolle, Leute, die ihre Kraft nicht aus einem Programm oder einer Ideologie schöpfen, sondern aus persönlicher Betroffenheit und als Reaktion auf eigene Erfahrungen. Sie identifizieren sich weder mit der Linken noch mit der Rechten auf dem politischen Schachbrett, sondern entziehen sich diesem Muster, indem sie ein nicht-identitäres, offenes und einschliessendes Wir vorschlagen, in dem alle Platz haben. Sie wollen diese Welt nicht zerstören, um eine andere aufzubauen, sondern die einzige Welt, die es gibt, neu erschaffen und gegen diejenigen verteidigen, die sie zerstören wollen – und zwar ohne utopisches Programm oder eine alternative globale Gesellschaftsordnung.“
„Die Machtkämpfe werden ersetzt durch aktives Zuhören, durch die Entwicklung eines kollektiven Denkens, durch die Aufmerksamkeit gegenüber dem, was zwischen allen entsteht, durch das äußerst großzügige Vertrauen in die Intelligenz des anderen, Unbekannten, durch das Zurückweisen von Mehrheits- und Minderheitsfraktionen und die geduldige Suche nach der einschließenden Wahrheit, durch das dauernde Infragestellen und immer wieder von neuem Infragestellen der einmal gefassten Beschlüsse, durch das Vorrecht der Debatte und des Prozesses gegenüber der Effizienz der Ergebnisse.“
„Diese massive Herausforderung geschieht durch ausgesprochen sanfte Mittel: Leitideen sind die Gewaltlosigkeit, der Respekt. Und es herrscht eine entpolitisierte und menschliche Sprache, die Bereitschaft zu einer grenzenlosen Öffnung und ein Streben nach Konsens, koste es, was es wolle, auch ein positives Verhalten gegenüber der Polizei. Dies ist die paradoxe Spannung, die der Bewegung ihre ganze Kraft verleiht. Ohne den Konflikt wären wir nur eine weitere sympathische «alternative» Lebensform. Ohne die empathische und einschließende Seite wären wir nur eine weitere kleine und ausgegrenzte «radikale» Gruppierung, die unfähig ist, mit der Realität zurecht zu kommen. Das JA ohne das NEIN ist wunderbar, das NEIN ohne das JA reine Verzweiflung.“
„Das Zentrum hat sich vom Camp zur Bewegung verlagert. Und es gibt eine große, offene Debatte über die Organisationsformen, die Entscheidungsfindung, über den Begriff des Konsenses und den Raum der Versammlungen. Ist es weiterhin sinnvoll, den Konsens als Einstimmigkeit zu denken? Begrenzt diese Idee des Konsenses nicht den Elan der Initiativen und Aktionen? Wie lässt sich in demokratischer Art eine Bewegung mit mehreren Zentren organisieren? Gibt es überhaupt so etwas wie eine Bewegung? Wo sind deren Grenzen zwischen drinnen und draußen? Kann man sich verbinden, ohne alles über einen Leisten zu schlagen? Da es sich bei 15-M um eine ganz neue Bewegung handelt, besteht nun die Herausforderung darin, all diese Fragen von einer Art neuem Gehirn aus zu denken und sich nicht mit den Antworten zu begnügen, die wir von den sozialen und anderen Bewegungen geerbt haben.“
„Eine der Stoßrichtungen der Bewegung 15-M ist nun, da die Protestcamps ihre zentrale Bedeutung verloren haben, die laufenden Zwangsräumungen zu stoppen. Das ist ein Bild, das viel über die Bewegung sagt: zum Beispiel dass 15-M nicht auf eine andere und utopische Welt hinzielt, sondern vielmehr dahin, die einzige, die es gibt, auch wirklich bewohnen zu können. Und das läuft über unsere Fähigkeit, die soziale Verbindung neu zu erfinden. Denn es ist nicht der Staat, der die Logik des Marktes aufhalten kann, sondern es ist der andere Unbekannte, der sich vor mein Haus stellt und den verhängnisvollen Automatismus der Zwangsräumung aufhält. Heute für mich, morgen für dich.”
Das gesamte Interview hat Walter B. übersetzt: „Die spanische Protestbewegung – eine neuartige soziale Kraft“. Herzlichen Dank an ihn für den Hinweis auf dieses Interview und seine Einladung, es hier zu veröffentlichen.
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