Liebe Echte-Demokratie-Jetzt und Occupy-Interessierte!
1) Zwei Artikel in deutschen Zeitungen über die Occupy-Bewegung in den USA zeigen auch zwei unterschiedliche Blickwinkel auf Erfolge und Ausblicke auf die sozialen Bewegungen:
Die Frankfurter Rundschau schreibt anlässlich der Räumung des letzten Camps in Washington: „Occupy-Bewegung endgültig verstummt“. Der Artikel endet:
„Das Paradox von Reformbewegungen ist die Tatsache, dass man nicht allein für sich selbst denken sollte, wenn man die Autoritäten herausfordern will“, schrieb der Publizist David Brooks in der New York Times: „Eine effektive Rebellion bedeutet nicht nur, seine persönlichen Gefühle auszudrücken. Es bedeutet auch, bestehende Autoritäten und Institutionen durch bessere Autoritäten und Instititutionen zu ersetzen.“
Was zunächst die Aufmerksamkeit beschleunigte, hat langfristig nicht zur Entwicklung durchschlagskräftiger Strukturen geführt. Wenn dies die neue Form sozialen Protests ist, dann braucht sich das von Occupy attackierte, mächtige eine Prozent keine Sorgen zu machen.
In der ZEIT ist dagegen ein paar Tage vorher zu lesen: Vor dem amerikanischen Frühling (Die Occupy-Bewegung hält aktiven Winterschlaf – und besetzt Wohnhäuser in New York)
Darin ist zu lesen: Seit Bürgermeister Michael Bloomberg den Zuccotti-Park am 15. November leer fegen ließ, haben sich etliche Occupy-Mitglieder zu den geschätzt 4.5000 Obdachlosen gesellt, die jede Nacht in New York nach einem Schlafplatz suchen. Am Vorabend der Räumung hatte Kalle Lasn, der 69-jährige, auf einem Bauernhof bei Vancouver lebende Ideengeber der Bewegung, per E-Mail die 90.000 Abonnenten seines progressiven Magazins Adbusters zu einer letzten Party im Zuccotti-Park eingeladen. Für den Winter schlug er eine Pause vor, in der neue Taktiken entwickelt werden könnten.
Aktivisten ohne festen Wohnsitz suchen seither Unterschlupf in Kirchen, oder sie improvisieren wie Lauren di Gioia, die in einer sympathisierenden Jugendherberge in Brooklyn übernachtet und im Falle von Vakanzen ihre Mitkämpfer einladen darf. Die Besetzung zwangsgeräumter Immobilien bot sich als öffentlichkeitswirksame Kampagne an, zumal da den höchsten Obdachlosenzahlen seit der Großen Depression zahllose Quadratmeter ungenutzten Wohnraums gegenüberstehen. (…) Am 11. Januar berichtete die New York Times, dass zum ersten Mal zwei Drittel aller Amerikaner den Graben zwischen Arm und Reich für die Ursache der größten gesellschaftlichen Spannungen halten und nicht mehr Rassenkonflikte und Immigration.
Wenn der Blick also nur auf die bisher erreichten Veränderungen der politischen oder ökonomischen Verhältnisse gerichtet ist, scheint die neue soziale Bewegung in dem Moment zu einem Ende zu kommen, in dem sie nicht mehr medienwirksam Camps aufrechterhält. Es scheint dem Betrachter wohl einerseits nicht schnell genug zu gehen – andererseits scheint er sehr auf die klassische politische Ebene fixiert (wie die meisten Medien). Wenn man jedoch mehr die gesellschaftlichen „Bewegungen“ auf tieferen Ebenen beobachtet, lebendige Menschen und die Art und Weise, wie sie sich füreinander einsetzen und ihr Denken verändern, dann ist nicht abzusehen, welche weltweiten „Bewegungen“ uns bevorstehen. Vielleicht ist ja was dran an dem, was Enno Schmidt in einem Interview im letztes Jahr bereits gesagt haben: „Es geht jetzt richtig los…“
2) In einem meiner Meinung nach tiefgründigen und wegweisenden Feuilleton-Artikel der FAZ unter dem Titel „Wer hat Angst vor Anarchismus?“ wird argumentiert, dass die neuen sozialen Bewegungen durch anarchistische Ideen geprägt sind und gefragt, ob „nach dem Scheitern des Sozialismus der Anarchismus die linke Utopie der Zukunft“ ist.
3) In unserem gerade wieder aktualisierten Blogartikel “Wir wollen Teil der Lösung sein” – Chile in Deutschland finden sich viele neue Berichte über den Besuch von Camila Vallejo (und zwei weiterer Studentenvertreter) in Deutschland, der am 8. Februar in Berlin endete. (Von der Abschlussveranstaltung in Berlin gibt es ein vollständiges 1,5-Stunden Video.)
Besonders zu empfehlen sind zudem das Feature im Deutschlandradio Camila Vallejo – das Gesicht der Revolte (7 min) und ein Artikel im österreichischen Standard: Wie die 23-jährige Camila Vallejo die Mächtigen Chiles herausfordert
4) Jetzt noch ein paar Ankündigungen:
zeitnah: Die Bochumer Occupy-Initiative lädt am 15. 2. um 19.30 Uhr ein ins Schauspielhaus: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? – Gespräche über die Chancen der Demokratie in Zeiten der Krise
vorausschauend: OPEN OHR Festival 25.-28. Mai 2o12 in Mainz unter dem Motto „System neu starten?“ In diesem Rahmen wird es auch eine Diskussionspodium mit dem Titel „Demokratie – aber wie?“ geben, wofür noch interessante Gesprächspartner gesucht werden, insbesondere eine engagierte Aktivistin oder einen Aktivsten. (weitere Infos: www.openohr.de / Facebook)
5) … und aktuelles über Griechenland – auch wieder aus unterschiedlicher Perspektive:
-in der WELT: Athener Politiker warnen vor „sozialer Explosion“ / Führende Politiker sagen dort: „Entweder muss das Land weitere Einschnitte akzeptieren, oder die sozialen Spannungen werden das Land zerreißen. Nach den Krawallen in Athen befürchten aber viele Griechen, dass sich die Explosion nicht mehr aufhalten lässt.“
-in der taz: „Ich bin froh, wenn ich noch Strom hab“ (Berichte von drei Menschen über ihre Lage)
Herzliche Grüße
Tom
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